Frankfurter Rundschau 19.11.2001

Die Fettnäpfchen am Rande der Coolness

Benjamin Quabecks meisterhafter Debütfilm "Nichts bereuen" zeigt Liebe wie zum ersten Mal

von Daniel Kothenschulte

"Alles was sie sagt, sagt sie so als hätte sie es gerade eben erfunden." Was der Abiturient Daniel hier über seine angebetete Luca sagt, galt natürlich für uns alle mal. Einmal gab es diesen Moment, als wir uns erfunden haben, ob wir uns danach nun treu geblieben sind oder nicht. Vielleicht waren wir gerade 19 wie Daniel, etwas jünger oder etwas älter. Vielleicht hat es ein paar Jahre oder nur eine Nacht gebraucht, uns zu zeigen, wer wir wirklich sein wollten. Und uns zugleich die Zeit davor erscheinen zu lassen wie ein einziges Versäumnis.
Das Kino ist verliebt in diesen einen Lebensmoment, ob man ihn nun den letzten Sommer der Kindheit nennen möchte oder den Anfang vom Ernst des Lebens. Ob Truffaut, Godard oder May Spils, Peter Bogdanovich, Barry Levinson, oder John Hughes, Rob Reiner oder Wong Kar-wai: Wem ein solcher Film gelingt, braucht sich um seinen Nachruhm keine Sorgen zu machen. Geglückte "coming of age"-Filme gehören zu den schönsten der Welt. In diesem Fall heißt der Glückspilz Benjamin Quabeck, und es trifft sich gut, wenn ihm diese filmische Initiationsreise auch noch ein Diplom der Filmakademie Ludwigsburg eingebracht hat. Es gibt daran wahrlich nichts zu bereuen.
Endlich hat es Daniel geschafft, mit dem einen Mädchen zu schlafen, das er vier Jahre lang angehimmelt hat. Kein Zweifel, dass in diesem Moment etwas Besonderes geschieht. Jessica Schwarz braucht nur ein paar Sekunden, um ihren (Film-)partner Daniel Brühl und uns daran zu erinnern, warum man früher Leinwandküsse für das Ultimum der Erotik gehalten hat. Dass diese beiden begabten Jungstars wirklich ein Paar sein sollen, soll uns nur recht sein.
Daniel hat sich bis zu diesem Augenblick allerhand altkluge Ratschläge geben lassen von seinem besten und ungleich erfahreneren Freund: Dass man sich rar machen soll, coole Sachen sagen und vor allem cool sein. Und auf keinen Fall soll man einer Frau das Gefühl geben, von einem etwas zu hören, das man zu einer anderen gesagt hat. Nun ja, das sollte Daniels Sorge nun wirklich nicht sein.
Es ist leicht, sich über derartige Ratschläge zu erheben, besonders wenn man weiß, dass man sie immer noch hören wird, wenn man einmal dreißig oder vierzig ist. Einmal jedoch ist alles das erste Mal, und natürlich geht es in der folgenden Rückblende nicht zuletzt um den mühsamen Weg dahin. Doch es geht auch in jener scheinbaren Beiläufigkeit, wie sie der Teenagerfilm nur in den allerseltensten Fällen zulässt, um all jenes Drumherum endloser Langeweile, das Jugend nun einmal mehr als alles andere definiert. Und die uns das Glück einer Liebesgeschichte erst in all seiner Seltenheit und Intensität erleben lässt.
Für Daniel ist dieser Kontext eine Zivi-Stelle in der Altenpflege. Am Anfang sieht man ihn einem idiotischen Pastor zur Hand gehen, aber das wäre noch zu extravagant. Daniel sucht die Monotonie, so wie man eben masochistisch ist, wenn man lieber etwas anderes täte. Alles andere wäre zu viel des Guten.
Selten hat man die dieser Arbeit eigene Mischung aus Intimität und Indiskretion, Würde und Entwürdigung in den einzig angemessenen Farben gezeichnet gesehen: hart und liebevoll. Fast scheint es dieser gnadenlosen Normalität zu gelingen, das Einzigartige in Daniels Leben zu vertreiben. Er kommt zu spät zu einer Disco-Verabredung mit Luca, die sich unterdessen mit seinem besten Freund tröstet. So erlebt der Verprellte stattdessen den ersten Sex mit seiner Chefin von der Altenpflege, aber das hat nichts zu bedeuten. Hollywood ist auf romantische Codes geeicht, das Leben glücklicherweise nicht. Und es hat manchmal weit mehr Verständnis für Missverständnisse.
Wie gelingt es Quabeck nur, bei seiner Annäherung an die Zeit, da man nichts als Fehler macht, einfach alles richtig zu machen? Indem er zunächst alles falsch zu machen scheint. Daniels Dialoge erscheinen so gestelzt wie in einem szenigen deutschen Jungliteraten-Debüt. Der nachsynchronisierte Ton bricht sich unangenehm mit dem Handkamerarealismus. Aber genau das ist es: Erst diese Divergenz zum Nächstliegenden lässt uns haargenau hinsehen, was wirklich geschieht, und so findet das filmische Äquivalent zu jener Überintensität, die das Leben mit 19 nun einmal noch bereit hält. Auch Truffaut benutzte diesen Trick, als er Antoine und Colette drehte, diesen schönsten unter all seinen Filmen, obgleich er nur eine halbe Stunde ausmachte in einem Episodenfilm mit dem bezeichnenden Titel Liebe mit zwanzig.
Später wird Quabeck einmal, auch das ein würdiger Nouvelle-Vague-Einfall, den Dialog ganz wegblenden und durch Untertitel ersetzen, weil ihm ein Song wichtiger ist. Songs sind nun mal manchmal wichtiger im Leben, und deshalb muss man sie auf einem Soundtrack würdiger behandeln, als des gemeinhin der Fall ist. Zum Abspann fassen dann die Hamburger "Sterne" den Sachverhalt noch einmal treffend zusammen: "Wir hatten Sex in Ruinen und träumten... und fanden uns bedeutend."
Als Daniel aus Liebeskummer einem Tankwart eine Schnapsflasche klaut und sie dann mit einem pflegebedürftigen Rentner leert, der den Rausch nicht überleben wird, bereut er nichts. Manche Dinge müsse man einfach machen, so lange man noch Lust dazu habe, erklärt er dem Richter - der ihn nach diesem Argument einfach gehen lassen muss.
Wir haben sie erlebt, diese Zeit, in der wir selbst erfunden haben, was uns heute ausmacht. Es wäre ein Unsinn anzunehmen, es sei uns einfach so zugeflogen. Jeden Moment haben wir auf die Goldwaage gelegt, im vollen Bewusstsein all der Peinlichkeiten, die dabei so in der Luft liegen. Der vielen Fettnäpfchen rund um das Geheimnis der Coolness. Jeder Sommer hat seinen American Pie, nichts dagegen, und wie es in dieser Woche scheint, da neben Nichts versäumt auch noch In den Tag hinein anläuft, reichen die "coming of age"-Stoffe auch noch für einen Herbst. Eines aber ist diesmal anders. Es mag an der Jugendlichkeit des Regisseurs und seiner Stars liegen, das zwischen dem Erleben dieser intensivsten aller Lebensphasen und ihrer Verwandlung in ein Stück Kino nur ein Augenblick vergangen scheint.

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Erscheinungsdatum 19.11.2001
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Die Welt, 20.11.2001

Alles erfahren, nichts bereuen

Benjamin Quabecks Debüt ist die Ausnahme im Erwachsenwerden-Kino
Auf der Suche nach dem Leben: Zivi (Daniel Brühl) in "Nichts bereuen"

Von Eberhard von Elterlein

Das Leben eines 19-Jährigen ist eine Schwebebahn. Man sitzt da und starrt durch Glas unten auf das Leben der anderen Menschen, die in der Fahrt zu flüchtigen Punkten verschwimmen. Man kommt voran, hat aber noch keinen Boden unter den Füßen, weil man damit beschäftigt ist, erst einmal aus- und einzusteigen in die Welt des Erwachsenseins. Ziel: unbekannt.

Auch für Daniel (Daniel Brühl). Der gerade der Volljährigkeit entwachsene Wuppertaler hat das Abitur gemacht und von seinem Vater einen ungeliebten Zivi-Job in der Kirche erhalten. Hier muss er Laubhaufen vor dem Gotteshaus zusammenkehren - weswegen er sich, aus Protest, zerkratzt und nur mit einem Lendenschurz bekleidet, ans Kreuz in der Kirche hängt. Der weitgehend Unberührte hat zwar eine große Liebe, Luca (Jessica Schwarz), doch die ist zu wild, zu nah und zu greifbar, um die Frau für das Leben zu sein. Weswegen sich der Romantiker später beim zweiten Zivi-Job in seine Chefin, die traurige Krankenschwester Anna (Marie-Lou Sellem), verliebt und deren Rot-Kreuz-Alltag durcheinanderbringt.
Der Kumpel Daniel geht zwar mit seinen Freunden Axel (Josef Heynert) und Dennis (Denis Moschitto) gerne campen und baden. Weswegen er sich zwar gerne bei ihnen ausheulen, aber noch lange nicht von deren coolen Anweisungen in Sachen Liebe beeinflussen will. Alles will schließlich selbst erfahren sein.

"Nichts bereuen" ist der Anti-Entwurf im jungen deutschen Selbstbespiegelungs-Kino. Wo in "100 Pro" oder "Mondscheintarif" verkrampfte Darsteller vor einer manierierten Kamera hölzerne Dialoge vor "Schöner Wohnen"-Designs sprechen, lebt Benjamin Quabecks Debüt von der Kraft des Unprätentiösen: Ein Teenager ist ein Teenager, und eine Stadt ist eine Stadt. Die Farben sind grau, weil eben trüber Herbst ist, und der monologische Erzählton ist eben lakonisch, weil dies der einzige Weg ist, den Unebenheiten des erwachsen werden wollenden Lebens zu begegnen.

Die Kamera zeigt ebenso gelassen, was eben zu zeigen ist. Und wenn dies das endlose Zusammenfegen von Kehricht, der übermütige Sprung dreier Freunde ins kalte Wasser oder die langen Fahrten in der Schwebebahn sind, dann erzählen diese Bilder eben zuerst von der Erfahrungswelt ihres Protagonisten, ohne dass sie ihre (zweifelsohne vorhandene) Doppeldeutigkeit zur Schau tragen.
Alles passiert in diesem wunderbaren Film so nebenbei, ganz zufällig. Die Nebenfiguren (der verständnislose Vater und die coolen Polizisten; der alte Mann, mit dem sich bei der Tankstelle geraubter Fusel trinken lässt, und die alte Frau, die der schusselige Sani-Täter Daniel Düsentrieb mal wieder mit ihrer vollen Windel alleingelassen hat) sind alle eben so hingetupft und haben doch Farbe und schimmernden Glanz.

Benjamin Quabeck weiß, wovon er so lapidar erzählt, denn er kommt aus Wuppertal. Er hat dieser Stadt mit ihren lakonischen Menschen und ihrer undramatischen Architektur, ihren langweiligen Straßen mit deren unspektakulärem Alltag, über die die Schwebebahn ungerührt hinweggleitet, mit "Nichts bereuen" eine kleine Liebeserklärung gemacht. Ganz nebenbei, versteht sich.
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7cameras.de, November 2001

"Alles Lieben. Alles Leben."

Daniel (Daniel Brühl) ist seit 1480 Tagen in Luca (Jessica Schwarz) verliebt, doch eigentlich weiß sie das gar nicht, denn Daniel ist ein ganz normaler, etwas schüchterner 19- jähriger, der gerade sein Abi gemacht hat und in den entscheidenden Momenten mit Luca nicht die richtigen Worte und Reaktionen findet. Luca ignoriert ihn zwar nicht, vermittelt aber eigentlich wenig Interesse. Sie hat Daniel einmal gesagt, dass der Mann für das erste Mal jemand Besonderes, den man wirklich liebt, sein sollte und somit ist Daniel mit 19 noch Jungfrau, denn er liebt Luca und andere Möglichkeiten seine Unschuld zu verlieren, schlägt er aus.
Glücklicherweise hat Daniel Freunde wie Dennis (Denis Moschitto), die nicht nur stets den richtigen Ratschlag kennen, wie man Frauen überzeugt, sondern auch in der Lage sind diese vorzuleben. Da Daniel aber nicht wie Dennis ist, funktionieren diese Tipps natürlich nicht.
Als Luca dann erklärt, sie werde nach Amerika gehen, kommt Daniel an den Punkt, wo er alle Hoffnungen begraben muss. Nachdem er auf der Zivildienststelle bei der Kirche, die sein Vater ihm besorgt hat, ziemlich viel Mist gebaut hat, nimmt er eine andere Stelle als Altenbetreuer an. Seine neue, nur wenig ältere, Vorgesetzte Anna (Marie- Lou Sellem) wird da zur rechten Frau zur rechten Zeit. Als Daniel seine Blockade gegenüber anderen Frauen gerade aufzugeben beginnt, kehrt Luca unerwartet früh aus Amerika zurück. Daniel ist wieder in seinem Dilemma gefangen, muss wieder Enttäuschungen hinnehmen und begeht einige Dummheiten.

"Nichts Bereuen" ist ein so genannter Coming of Age- Film wie ihn viele Filmemacher zu Beginn ihrer Karriere machen, weil es das ist, was sie selber kennen. Vordergründig betrachtet gehört dieser Film also in eine ähnliche Schublade wie "American Pie" oder deutsche Äquivalente wie "Schule" oder "Harte Jungs". Auch "Nichts Bereuen" ist eine Komödie mit einem aber nicht unbeträchtlichen Unterschied zu den genannten Filmen. Dieser liegt darin begründet, dass man bei den typischen Filmen dieser Art nicht selten über die Charaktere lacht. Hier jedoch ist es so, dass man mit ihnen lacht und wenn man schon über sie lacht, dann lacht man meistens gleichzeitig über sich selbst. Dies hat den Effekt, dass man hier genau dadurch wesentlich mehr Tiefgang geboten bekommt, denn wer über sich selbst und seine ähnlich gelagerten Erfahrungen schmunzeln muss, wird auch beginnen darüber und sich selbst nachzudenken.
Bei den meisten Menschen werden einzelne Szenen wie die Partys, der erste Sex und die ersten Drogen Erinnerungen an eigene Erlebnisse hervorrufen. Das sollte dazuführen, dass dieser eigentlich auch eher komische Film zumindest beim Zuschauer fast tragikomische Erinnerungen hinterlässt. Es ist ein Film, den man fast mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlässt. Man bekommt den eigenen Spiegel vorgehalten und das kann sehr sentimental machen (,was in der Regel aber nicht direkt nach Ende des Films beginnen dürfte).
Grund für all das ist der relativ ungeschminkte Blick, den der Regisseur auf die Welt wirft. Nichts ist übertrieben komisch oder herzzerreißend tragisch (eben wie das Leben im Rückblick so ist). Selbst der bei solchen Filmen stets vorkommende Fäkal- Humor ist nicht auf billige Lacher aus, sondern hat immer einen ernsten Hintergrund.
"Nichts Bereuen" ist ein No- Budget- Film (O- Ton des Regisseurs) mit Produktionskosten von 330.000 DM. Dabei ist erstaunlich, was daraus gemacht worden ist, da man das schlicht nicht bemerkt. Man hört von Drehtagen von selten nicht weniger als 18 Stunden. Alle Beteiligten haben durch ihre Leistungen viel investiert, was in Geld nur schwer auszudrücken wäre.
Dass die Kamera dieses Erstlingswerkes hier und da überbemüht wirkt (so als wolle man bereits im ersten Film das komplette erlernte Repertoire zeigen), das Schauspiel nicht bei allen Figuren perfekt und das Ende, das die Moral von der Geschichte, die dem Titel entspricht, etwas plakativ in Szene setzt, schmälert den Gesamteindruck nicht nachhaltig.

"Nichts Bereuen" ist ein nicht nur beachtliches, sondern fast schon erstaunliches Erstlingswerk, das abseits des Mainstreams und in dennoch eingängiger Manier die Probleme des Erwachsenwerdens beschreibt und glücklicherweise nicht weiter zu erklären versucht. Die Oberflächlichkeit der typischen Teenie- Komödie findet sich hier nicht.

Torsten Dohle, www.7cameras.de
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Interview mit Benjamin Quabeck, Süddeutsche Zeitung, 15.11.2001

Der Augen halber

Anfänger I: Benjamin Quabeck,
Jahrgang 76, "Nichts bereuen"

Nichts zu bereuen hat der 25-jährige Benjamin Quabeck, dem es mit seinem ersten Spielfilm (siehe Feuilleton vom Mittwoch) gelungen ist, eine eigenwillige Geschichte von der "Sehnsucht nach der großen Liebe und dem wahren Leben" zu erzählen - Motto: "Über das Erwachsenwerden sollte man Filme drehen, solange man selber jung ist". "Nichts bereuen" entstand als Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg und erhielt beim Münchner Filmfest den Hypo-Regieförderpreis.

SZ: Wie haben Sie die Viva-Moderatorin Jessica Schwarz für die Rolle der Luca gewinnen können?

Benjamin Quabeck: Ich hatte sehr lange nach einer Luca-Darstellerin gesucht - und irgendwann, nach einer langen Drehbuchsitzung, nachts um vier Uhr, habe ich den Fernseher eingeschaltet und sah sie, wie sie im Hotel Maritim in Stuttgart eine Pop-Band interviewte. Das war eine ihrer allerersten Sendungen als Moderatorin. Damals war sie überhaupt noch nicht diese Berühmtheit, die sie jetzt ist. Mir gefiel ihre lebendige, chaotische Art, ihre Unbekümmertheit vor der Kamera, ihre rauhe Stimme. Und ihr gefiel das Drehbuch. Sie hatte Lust, sich als Schauspielerin auszuprobieren. Bei den Dreharbeiten war sie erstaunlich sicher und erfrischend unkompliziert. Äußere Widrigkeiten konnten ihr nichts anhaben. Als wir zu Beginn für die Liebesszene im Parkhaus stundenlang in windiger Eiseskälte drehten, hielt sie das tapfer und klaglos durch.

SZ: Ihren Hauptdarsteller, Daniel Brühl, kannten Sie schon länger?

Quabeck: Ja, mit ihm hatte ich schon Kurzfilme gedreht. An ihm fasziniert mich, dass er mit wenigen, sparsamen Mitteln unheimlich viel erzählen kann. Wenn ich ihn auf Leinwand sehe, dann glaube ich ihm immer, was sich in und hinter seinen Augen abspielt. Für mich sind die Augen des Schauspielers das Wichtigste. In Daniels Augen ist immer Leben und Spannung, in jeder Einstellung. So ist es auch bei Marie-Lou Sellem, die die Rolle der Krankenschwester Anna spielt. Marie-Lou habe ich bei einem Seminar an der Filmakademie kennen gelernt, das Dominik Graf geleitet hat. Sie hat eine klassische Schauspielerausbildung, hat Erfahrungen am Theater gesammelt, viele Fernsehfilme gemacht, in Tom Tykwers "Winterschläfer" mitgespielt. Ich war sofort von ihr begeistert. Sie hat diesen Nuancenreichtum, um die Souveränität wie die Verletzlichkeit Annas zum Ausdruck zu bringen.

SZ: Was war Ihre Ausgangsidee?

Quabeck: Ich wollte einen Film über Jugendliche machen, über das Erwachsenwerden, über die Gefühlswirrnisse bei der ersten großen Liebe, bei den ersten sexuellen Erfahrungen. Ich wollte das auf keinen Fall so behandeln wie in Filmen à la "American Pie" oder "Harte Jungs", wo man den Figuren gar nicht vertraut und das Ganze zum Klamauk verrührt. Ich wollte aber auch kein supertragisches Problemstück machen - mit einem Helden, der keine Eltern mehr hat, der von seinem besten Freund verraten wird, der drogensüchtig in den Slums am Rande Berlins haust. Ich wollte von Dingen erzählen, wie ich selbst sie kennen gelernt habe. Deshalb sollte auch Daniels Zivildienst vorkommen, auch wenn er - auf den ersten Blick - kein besonders attraktives Szenario herzugeben scheint.

SZ: Wie viel Autobiographisches steckt im Film?

Quabeck: Ich kenne die Grundstimmung des Helden: die Unsicherheit, Konfusion, diese eher kuriosen Versuche, aufzutrumpfen und rebellisch zu sein, und dann die ernsthafteren Versuche, das eigene Leben in den Griff zu kriegen. Ich weiß, was es heißt, unglücklich verliebt zu sein. Solche Erfahrungen habe ich weitergesponnen und zugespitzt. Ich habe mich nie, wie der Held es tut, an ein Kirchenkreuz gehängt, um einem Mädchen zu imponieren. Aber ich kenne Situationen, wo man auf solche Ideen kommt.

SZ: Haben Sie bestimmte Regisseur-Vorbilder?

Quabeck: Beeindruckt hat mich Hans-Christian Schmid mit "23" und "Crazy". Er hat da eine besonders einfühlsame Art, mit Jugendlichen umzugehen. Andererseits liebe ich David Lynch, die Coen-Brüder. "Blue Velvet" kann ich mir immer wieder anschauen. Mit dem Filmemachen habe ich übrigens als 12-jähriger begonnen. Da habe ich mit der Videokamera meines Vaters im Keller Splatter-Filme gedreht, Horror, bei dem möglichst viel Blut fließen musste. Ich weiß nicht, ob sich Spuren davon nicht auch noch in "Nichts bereuen" finden lassen. Einen Film zu drehen, der die Intensität von Lynchs "Blue Velvet" hat, das wär's.

SZ: Warum spielt "Nichts bereuen" in Wuppertal?

Quabeck: Weil ich da ganz in der Nähe aufgewachsen bin. Ich kenne und liebe die Stadt. Sie hat etwas Kleinstädtisches, kann sich nicht richtig entscheiden, eine Großstadt zu sein. Der manchmal sehr rabiate Mix von Baustilen, der auf den ersten Blick hässlich erscheinen mag, gefällt mir. Schön ist der Fluss mit den vielen Brücken, schön ist natürlich die Schwebebahn. Schön sind auch die Talhänge: da gibt es sogar einige Ecken, die an San Francisco erinnern. Zu meinem Helden würde eine richtige neonlichtflackernde Großstadt gar nicht passen. Dass Tom Tykwer "Der Krieger und die Kaiserin" in Wuppertal drehte, hat mich schon nervös gemacht. Ich befürchtete, dass er alle locations abgrasen würde. Als ich dann zwei Wochen vor meinem Drehbeginn den Film sah, war ich beruhigt: Tykwer hat sich auf ganz andere Bereiche der Stadt konzentriert.

Interview: Rainer Gansera
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Süddeutsche Zeitung online 15.11.2001

Kinodebüt: "Nichts bereuen"

Wahre Liebe

Wer verliebt ist, glaubt vor allem deshalb fliegen zu können, weil er den Boden unter den Füßen verloren hat, weil ihm beim Kopfkarussell von Wunsch und Wirklichkeit, Begehren und Erleben, Träumen und Erinnern alles durcheinander geht. Der neunzehnjährige Benjamin (Daniel Brühl), Held von Benjamin Quabecks Kinodebüt "Nichts bereuen", ist seit Jahren in seine Schulkameradin Luca (Jessica Schwarz) verliebt. Der Film beginnt mit einem Happy End, mit einer romantischen Lagerfeuerszene mitten in einer verzauberten Betonlandschaft, mit einem späten ersten Mal kurz vor der Trennung. Einmal tief durchseufzen, bitte..., denn alles ist gelogen.

Daniel hat uns nicht erzählt, was passiert ist, sondern was passieren soll. Die Kamera von David Schultz hat in Daniels Kopf hineingeschaut. Quabeck, Absolvent der Ludwigsburger Filmakademie, macht uns nicht durch die Flunkerei, sondern durch das Eingestehen derselben mit seiner Erzählstrategie vertraut. Er will uns den Rausch, das Fieber, die Aufgeregtheit junger Liebe vermitteln, aber er will dabei ehrlich bleiben, er will die prosaische Wahrheit hinter dem Medienbild vom Jungsein suchen.

So liefert er immer wieder Bilder, die Abgehobensein und Freiheitsgefühle seiner unverbrauchten Protagonisten sinnlich erfahrbar machen: beim Sprung am Badesee etwa hängen Daniel und ein Kumpel so in der Luft, dass nur noch Himmel um sie ist. Aber dann stürzen die Figuren in jene Gefühle zurück, die den coolen Schwatzbacken der Medienwelt fremd zu sein scheinen: in Schüchternheit und Verklemmtheit, ins Linkischsein, in die Angst vor der eigenen Courage und vor der Zurückweisung.

Wenn Daniel dann mal etwas wagt, dann tut er gleich zu viel des Guten. Dann läuft er nicht zu großer Form auf, sondern rastet aus, dann steht er zwar im Mittelpunkt, aber als Hauptfigur einer Blamage. In der Kirche seiner ersten Zivildienststelle hängt er sich mal als von Liebesqualen gemarterter Christus ans Kreuz, um Luca mit dieser Installation zu imponieren. Aber er wird leider vom Pfarrer und der Gemeinde entdeckt. Quabeck schafft es, mit solch grellen Kinomomenten die alltägliche Wahrheit seiner Liebesgeschichte nicht zu sprengen. Das ist eine große Kunst.

Dass Jessica Schwarz als Moderatorin der Musikclipschleuder Viva bekannt ist, schadet dem Konzept des anderen Blicks aufs Jungsein überraschenderweise überhaupt nicht. Eher wird an ihr vorgeführt, dass der Film nicht von ganz anderen Menschen als die Kommerzbildwelt des Jungseins erzählt, sondern von anderen Seiten an diesen Menschen. Auch der smarte, gut aussehende Daniel Brühl scheint nicht unbedingt die ideale Erstbesetzung für einen Schüchternen und Unbeholfenen zu sein, irritiert aber gerade dadurch nicht nur unseren Blick, sondern unser Vorurteil, alle Kids seien längst so cool, dass sie in einem Konsumrausch der Erfahrungen alles mitnehmen, was nur geht. Am faszinierendsten aber ist Benjamin Quabecks Umgang mit dem Alltag auf Daniels zweiter Zivildienststelle. In der mobilen Altenbetreuung trifft der Liebeswunde allerhand Gebrechliche und Pflegebedürftige, die leicht zu schrägen Witzfiguren oder bloßen Hindernissen seiner Selbstentfaltung, zu retardierenden Momenten des Gefühlskollers herabgewürdigt werden könnten.

Aber so kommt es nicht. Die Probleme und Bedürfnisse der Alten werden denen Daniels als gleichwertig gegenübergestellt. Und wenn der Zivi einen privaten Termin verpasst, weil er bei einer inkontinenten alten Frau wieder mal den Teppich schrubben muss, dann ist das kein böser Gag des Drehbuchs, sondern ein Hinweis auf die arge Relativität des Liebeskummers.

Nur am Ende wird diese schöne Komödie ein bisschen sehr verstörend. Wenn der nun aus seiner Schüchternheit und Jungfräulichkeit erlöste Daniel einiger wüster Kummerexzesse wegen vor Gericht erscheinen muss und selbstzufrieden auf jedes Zeichen von Reue verzichtet, dann scheint es plötzlich, als sei das Erwachsenwerden doch gleichbedeutend mit Entflechtung aus der sozialen Verantwortung. Dann hat "Nichts bereuen" zu seinem Titel gefunden und ist plötzlich nahe dran an jenem haargelschlüpfrigen Zeitgeist, gegen den er vorher opponiert. Aber vielleicht zeigt er da ja auch nur die Verführbarkeit seiner Figuren.

Cinemaxx, Metropol
Von Thomas Klingenmaier
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Süddeutsche Zeitung, 14.11.2001

Wie eine Kippe im Wind

Und das in Wuppertal, in Benjamin Quabecks Tagträumer-Debütfilm "Nichts bereuen"
Sind wir je in einen Baggersee gesprungen, wild mit den Armen rudernd, Urschreie ausstoßend, Gitarrengedröhn im Kopf? Haben sich unsere Sommerbilder zu Splitscreen-Collagen verdichtet, der alte VW-Bus, die Surfboards, Autobahnen, Sonnenuntergänge, der Biss in den Apfel am Strand? Hat der beginnende Zivildienst unsere Phantasie befeuert, die weiße Uniform, die erste hübsche Patientin, "ich gebe Ihnen jetzt mal eine Elektrode auf die Brust"? Und wenn wir davon sprachen, die Welt zu erobern - ist da vielleicht mal ein großer Satz gefallen, rätselhaft und wahr?

"In einer neuen Stadt", sagt Daniel, "brauchst du doch keine Milch, Mann. Da brauchst du Mandarinen." Dann hält er die Hand aus dem Fenster und lässt die Zigarette los, und die Zigarette wird vom Wind davongetragen. Wir waren wie diese Jungs, ganz sicher: Mittelstandskinder, Mittelstadtbewohner, Zivistellensucher, Tagträumer. Aber wäre uns jemals aufgefallen, wie schön eine Kippe sein kann, die vom Wind davongetragen wird?

Sie schaffen es sofort, dass man sich Fragen stellt, die Mädels und Jungs von "Nichts bereuen". In einer Welt, wo Gitarrengedröhn im Kopf und Surfboards im Arm schon uralte Posen sind, schaffen sie es, ein bisschen mehr als Poser zu sein, vor und hinter der Kamera. Liegt es an der Ernsthaftigkeit, mit der der großartige Daniel Brühl aus seinem Betongymnasium tritt, in die Nachmittagssonne blinzelt, das Sakko über der Schulter, das Unbehagen im Gesicht? Er spricht uns direkt an, er tritt aus der Schulrealität kurz in eine andere hinein und sagt ein paar Worte: "Ich bin Daniel, ich bin 19, ich hab gerade mein Abi bekommen, und ich hab noch nie mit einem Mädchen geschlafen. Auch noch nie eins geleckt."

Liegt es an Sätzen wie diesen, die man einfach so hinschreiben möchte, und an dem schleichenden Bruch darin, irgendwo zwischen "geschlafen" und "geleckt"? Es wird also um den ersten Sex gehen, mal wieder, um die Abenteuer der Altenpflege, um einen Herbst in Wuppertal und darum, warum man sich nicht aussuchen kann, wen man liebt. Es wird um Luca gehen, gespielt von der ebenfalls wunderbaren Jessica Schwarz, in die sich Jungs aus den Klassen darüber und darunter verknallen, die trotzdem so nett ist, wie es sonst nur dicke Mädchen sind, alles, was sie macht, so macht, als hätte sie es gerade erst erfunden - und die mit 14 Jahren am Lagerfeuer mal einen Satz gesagt hat, der Daniel vier Jahre seines Lebens kosten wird. Oder 1480 Tage, da hat er mitgezählt.

Es wird um eine Wahrnehmung gehen, die man nur hat, wenn man jung ist, auf einer guten Party etwa, wenn diverse Dinge zu wirken beginnen, wenn die Augen gewissermaßen ihre Verschlusszeiten verlangsamen und die Bilder in Rhythmen zerhackt werden, während die Pferdeschwänze der Mädchen wippende Schlieren auf der Netzhaut hinterlassen und dann Dialoge ins Ohr gebrüllt werden.

Das Kreuz mit der Liebe

Manchmal muss man auch deutlicher werden, wie Daniel es tut, als er sich halbnackt in der Kirche, in der er Zivildienst macht, ans Kreuz hängt und ein Laken über den Altar spannt mit den Worten: "Luca, ich liebe dich". Luca kommt zwar nicht, um diese Installation zu betrachten, aber dass der Film eine solche Aktion nicht nur mühelos verkraftet, sondern als logisch erscheinen lässt, das sagt schon alles über die Art, wie er uns packt. Da kann man es auch gleich zugeben: So große Momente gab es bei uns nicht, in unserer Mittelstandswelt, obwohl die Eltern genauso waren, die Pfarrer auch, die Reihenhaushälften, die VW-Polos, die Gemeindezentren, die Verklemmungen. Und obwohl es Mädchen gab, jawohl, die eine halbe Stunde am Kreuz durchaus wert gewesen wären. Das ist nun mal leider so. Und es ist vielleicht auch der Grund, warum ich dann, als all meine Freunde allmählich Zivistellen antraten, einfach zur Bundeswehr ging. Damit hatte keiner gerechnet, das gab großen Ärger. Es gab einfach kein Referenzbild eines Zivildienstleistenden, der man gerne sein wollte.

Was ich, komischerweise, nie bereut habe - bis, nun ja, "Nichts bereuen". Dieser Film tut für die Altenpflege, was "Trainspotting" für Heroin getan hat: Verschweigt nichts, beschönigt nichts - oh ja, es muss Scheiße vom Teppich geschrubbt werden - aber macht trotzdem irgendwie Lust auf mehr. An "Trainspotting" erinnert auch die Art, wie alltägliche Ereignisse sich dramatisch verdichten. Von vielen ähnlichen Filmen unterscheidet ihn, dass er ein wirkliches Ende findet und im letzten Teil noch mal richtig zulegt. Daniel wird Luca wiedersehen, sie wird spontan auf seinen Rücken springen und ihn zum Tanzen einladen. Daniel wird daraufhin vergessen, einer alten Frau die Windeln zu wechseln, und eine riesige Sauerei zu verantworten haben. Dann wird er zu spät in den "Blue Club" kommen, alle Illusionen verlieren, seinen besten Freund prügeln, anschließend zum ersten Mal Sex haben, eine Tankstelle überfallen und einem alten Mann, der seiner Pflege anvertraut ist, einen ekstatischen Tod verschaffen.

Nicht schlecht für eine einzige Nacht. Später wird er gefragt werden, warum er diese Dinge getan hat, und er wird sagen: "Ich wollt's einfach machen, so lange ich Lust dazu habe." Dies wiederum ist ein tolles Schlusswort. Man muss nicht lange nachdenken, um selbst ein paar Dinge zu finden, auf die man im Moment noch Lust hat, bald vielleicht aber schon nicht mehr. Ganz ähnlich ist es auch mit der Entstehung dieses Films gewesen. Sie waren sehr jung - der Regisseur Benjamin Quabeck, die Produzentin Stephanie Wagner, der Kameramann David Schultz. Sie hatten schon die ersten Absagen von den Sendern bekommen, sie waren verunsichert und nicht einig, in welche Richtung sie gehen wollten, aber irgendwie wild entschlossen. Aber dann haben sie eines Tages nicht mehr geredet, sondern sind einfach losgezogen und haben was gemacht. Und es gab nichts zu bereuen.

TOBIAS KNIEBE

NICHTS BEREUEN. D 2001 - Regie: Benjamin Quabeck. Buch: Hendrik Hölzemann. Schnitt: Tobias Haas. Musik: Lee Buddah. Mit: Daniel Brühl, Jessica Schwarz, Denis Moschitto, Marie-Lou Sellem. Ottfilm, 98 Minuten.
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Focus online 11/2001

Das Abi hat der 19-jährige Daniel (Daniel Brühl) in der Tasche. Doch nun glaubt er, das Leben und vor allen Dingen die Liebe gingen an ihm vorbei. Denn Daniels große Liebe Luca (Jessica Schwarz) ist bezaubernd, aufregend, atemberaubend - und für ihn leider völlig unerreichbar. Meint er zumindest.
Als er sich aus Verzweiflung in der Kirche selber kreuzigt, verliert er seinen Zivijob, lernt dafür die Diakonieschwester Anna (Marie-Lou Sellem) kennen, verkracht sich mit seinem besten Freund Dennis (Denis Moschitto), schläft zum ersten Mal mit einer Frau, überfällt eine Tankstelle und hat eine Begegnung mit dem Tod. Doch Daniel hat nichts zu bereuen.

Ein ganz normaler Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg sollte "Nichts bereuen" werden: nette Geschichte, Minimalbudget und 16-Millimeter-Technik. Herausgekommen ist dabei jedoch ein kleines Meisterwerk. "Nichts bereuen" ist einer der schönsten Filme dieses Jahres - allein schon deshalb, weil er die Erwartungen des Publikums an eine deutsche Kinoproduktion mit seiner Frische, Ungezwungenheit und Ehrlichkeit bei weitem übertrifft. Dafür gab es beim diesjährigen Münchner Filmfest den begehrten Regieförderpreis.
Benjamin Quadbeck, selber gerade einmal 25 Jahre jung, schöpft zweifellos aus seinem eigenen Erfahrungsschatz. Sein Film erzählt nicht nur eine Geschichte, er transportiert dabei auch ein authentisches Lebensgefühl. "Nichts bereuen" handelt vom Erwachsenwerden, von Abgründen und Höhepunkten, von der Suche nach dem wahren Leben und dem Ringen um die wahre Liebe. Dabei kommt Quadbecks Film ganz ohne jedes Pathos aus, und ist - auch wegen seines unnachahmlichen Humors - auch von der Seifenoper meilenweit entfernt.
Ob sich Daniel und Luca letztlich kriegen, ist dabei Nebensache. "Nichts bereuen" ist keine romantische Komödie, kein vorhersehbares Melodram und sicherlich kein Teenie-Streifen, der das große Thema "erste Liebe" in zotige Albernheiten transformiert. Nein, hier ist alles echt.
Diese Intensität verdankt der Regisseur vor allem seinem hoch begabten Hauptdarsteller Daniel Brühl ("Schule"), um dessen weitere Karriere man sich keine Sorgen machen muss. Aber auch Jessica Schwarz, derzeit noch Moderatorin beim Musiksender VIVA, stellt ihr Talent recht eindrucksvoll unter Beweis. Die beiden Jungstars haben zudem auch privat nichts zu bereuen: Sie wurden durch die Dreharbeiten für den Film ein Paar.

Rico Pfirstinger

Fazit:
Welche Offenbarung: Benjamin Quadbecks hinreißendes Filmdebüt ist gefühlvoll, frisch und ungezwungen - ein Lichtblick in der sonst so tristen deutschen Kinolandschaft.
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Die Zeit Feuilleton 47/2001

Nicht mal in Ruhe angefasst!


Jugendliche Wirren in Debütfilmen von Benjamin Quabeck und Maria Speth

von Merten Worthmann

Nie wieder wird das, was außerordentlich und dramatisch erscheint, und das, was nur normal und lächerlich ist, noch einmal so sehr dasselbe sein wie in der Jugend. Zu keiner anderen Zeit liegt alles Existenzielle so dicht an der Oberfläche, schlägt die emotionale Richterskala so munter aus auch ohne ernsthafte Erschütterungen im Herzen der Erde. Das macht die Jugend als Kinostoff besonders beliebt. Filmemacher dürfen mit einer voll ausgebauten Gefühlspalette arbeiten, ohne dafür schon voll ausgebildete Charaktere nachweisen zu müssen. Und sie erreichen maximales Identifikationspotenzial mit vergleichsweise geringem Aufwand, denn draußen im Saal sitzt niemand, dem die entsprechenden Standardsituationen nicht selbst gut bekannt wären.
In einem Geleitwort zu Benjamin Quabecks Film Nichts bereuen heißt es sehr schön: "Zielpublikum sind alle, die schon mal mit dem Erwachsenwerden in Berührung gekommen sind." Das klingt wie ein leichtes Spiel: nur grob zu zielen und trotzdem immer zu treffen.
Und von weitem sieht es auch aus wie leichtes Spiel. Erste Liebe, knuffige Kameraderien, ausgesuchte Peinlichkeiten, erster Sex, Saufen, Prügeln, erste Reife. Nichts bereuen schüttelt das bekannte Set aus dem Ärmel und reicht deshalb über unser aller Horizont kaum hinaus. Aber diesen Horizont, der immer weiter wegrücken wird, holt er für eine Weile noch einmal so dicht heran, dass die eigene Nase fast schon wieder hineinragt.
Wahrscheinlich liegt alles Glück dieses kleinen Films nur in der Wahrhaftigkeit seiner Gesten, seiner Sprechweisen, seiner Sprüche und Typen, und wenn man weiß, dass der Regisseur Benjamin Quabeck mit diesem Werk sein Regiestudium an der Filmakademie Baden-Württemberg abgeschlossen hat und selbst erst 25 Jahre alt ist, dann könnte man Nichts bereuen auch geschwind abtun als talentiertes Debüt, dessen erhöhte Tuchfühlung sich einfach durch die Jugendlichkeit des Regisseurs ergibt.
Wer allerdings eine gewisse Anzahl jener High-School- und Pubertätskomödien aus den letzten Jahren durchgestanden hat, ob nun die Originalbausätze aus Hollywood oder die Nachbauten aus Deutschland, der schätzt Quabecks Talent gleich doppelt und dreifach hoch, seine Direktheit, seine kleinen Schamlosigkeiten, sein absolutes Gehör für den passenden Ton - und seine Entscheidung für den Hauptdarsteller Daniel Brühl, dem die innere Sprunghaftigkeit des 19-jährigen Helden Daniel zwischen Neugier, Euphorie und Zerknirschung bis in die Fingerspitzen und Mundwinkel hineinreicht (und der sicher bald ein deutscher Kinostar ist).

Daniel kommt mit dem Abi aus der Schule und sagt in die Kamera: "Ich hab noch nie mit'm Mädchen geschlafen, auch noch nie eins geleckt, nicht mal in Ruhe angefasst." Der Film geht so drauflos wie dieser Satz, ist aber auch genauso fein gefeilt. "Seit 1480 Tagen" träumt Daniel von der großen Liebe mit Luca, einer Schulfreundin, und noch viel länger misst er sich an seinem besten Freund Dennis, dem routiniertesten Aufreißer unter Wuppertals Sonne. Natürlich gibt es Ärger mit beiden, dazu Langeweile auf der einen, dann Stress auf der anderen Zivildienststelle, dafür aber eine neue Chefin, die zupackender küsst, als Daniel je etwas getan hat in seinem Leben. Er lernt - in mehr als einer Hinsicht.
Auch Nichts bereuen strebt in verschiedene Richtungen. Quabeck experimentiert mit Parallelmontagen (das ist überflüssig); er meint es ernst mit seiner stürmischen Botschaft (das ist gut); sein Film soll trotzdem komisch sein (ist er auch, manchmal sogar sehr). Vor allem aber lässt er seine Figuren reden, und zwar so täuschend echt, wie man es niemals auf einer Drehbuchschule lernen könnte, und so locker, dass die große Kunst hinter den hingeworfenen Sätzen manchem gar nicht auffallen mag, höchstens, weil plötzlich ein seltsam tiefer Einklang herrscht zwischen Film und Zuschauer.

Figuren unter Verschluss

Diese offene Rede fehlt mit Entschiedenheit in Maria Speths In den Tag hinein, einem Abschlussfilm der Potsdamer Filmhochschule, der zufällig zur gleichen Zeit wie Nichts bereuen startet und auch einem unzufriedenen Problemkind folgt. Speths Werk wirkt wie das gezwungene Negativ zu Quabecks ungezwungenem Positiv. Statt mit den Figuren beherzt ins Leben zu treten, zieht Speth sich auf eine Art polierte Sprödigkeit zurück. In den Tag hinein beobachtet die 22-jährige Lynn (Sabine Timoteo), die mit ihrem Freund kaum redet, mit ihrem neuen Flirt, einem Japaner, kaum reden kann und mit ihrer Schwester, in deren Familie sie wohnt, kaum reden will. Sie treibt durch Berlin, voll von zartem Groll und zerstreuter Melancholie; nur wenig mehr erfährt man von ihr. Vor einigen Wochen ist an dieser Stelle Angela Schanelecs minimalistische Komposition Mein langsames Leben sehr gelobt worden. Maria Speth neigt einer ähnlich asketischen Ästhetik zu und hat mit dem gleichen, großartigen Kameramann gearbeitet. Reinhold Vorschneider taucht Berlin diesmal vor allem in kühl schimmernde Grün- und Blautöne, lässt oft Neon strahlen und achtet genau auf die Architektur. Seine Bilder sind fantastisch, nur fehlt ihnen jetzt ein substanzieller Fond, der sie erst wirklich zum Leuchten brächte. Speth erzählt nicht minimalistisch, sondern bloß minimal; sie verzichtet nicht mutig, sondern mutwillig. Was sich als vornehme Zurückhaltung tarnt, entspringt der Berührungsangst vor dem Durcheinander des Lebens. Der vermeintlich radikalere, klarere Film ist in Wahrheit ein einziger Kompromiss. Anstatt tief zu loten, verharrt Speth an der Oberfläche, lässt Vorschneider die Tristesse lackieren und hält ihre Figuren unter Verschluss.

Benjamin Quabeck hat den viel unsaubereren Film gedreht, einen Film mit aufgekrempelten Ärmeln, immer mal unsicher im Schritt und mit momentanen Absencen, ein Schmuddelkind im Vergleich zum adrett kostümierten Werk von Maria Speth. Wenn man aus deren Übung in Leerlauf wieder heraufgedämmert ist, wirkt aber die vorpreschende Fülle von Nichts bereuen erst recht wie ein Segen. Bei Quabeck wirkt alles, was im Grunde doch nur normal und lächerlich ist, noch einmal außerordentlich und dramatisch. So soll es sein. So ist es gewesen.
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Spiegel online 11/2001 Artikel 1

"Nichts bereuen": Die Reifeprüfung


Zärtlich, amüsant und nah am Leben erzählt Benjamin Quabeck in "Nichts bereuen" von einem liebeskranken Zivildienstleistenden. Sein auf dem Filmfest München preisgekröntes Debüt steht auch für den eigenen Stil vieler anderer neuer Regietalente, die derzeit das deutsche Kino beleben.

Von Oliver Hüttmann

In jeder Schule gibt es ein Mädchen, in das alle Jungs verliebt sind. Oona-Devi Liebich spielte als "makellose Malen" ein solches Mädchen in "Crazy". Elizabeth Shannon füllte als feuchter Traum in "American Pie" eine ähnliche Rolle aus. Und in "Nichts bereuen" ist es nun Jessica Schwarz: Ex-Model, Viva-Moderatorin und jetzt auch Schauspielerin.

Doch nicht von den Mädchen erzählen diese Filme, sondern vom hormonellen Drängen jener Jungs zwischen Pubertät und Adoleszenz, einer Phase größter Qual und voller Peinlichkeiten, an die man eigentlich nicht wirklich erinnert werden möchte. Regisseur Benjamin Quabeck, 25, hat dieses in Büchern und im Kino ewige Thema dennoch gewählt für seinen ersten Film, der im Kern autobiografisch und zudem so warmherzig und wahrhaftig gelungen ist, dass er einen hinterher Milde stimmt gegenüber den eigenen Dummheiten der Jugend.

Quabecks Alter ego heißt Daniel (Daniel Brühl). Er ist 19, hat gerade sein Abi gemacht und eine Reise mit seinen besten Freunden hinter sich. Nun ist es Herbst, das wahre Leben liegt vor ihm, die große Liebe scheint unerreichbar und seine Heimatstadt Wuppertal ist zu klein, um beiden aus dem Weg gehen zu können. Denn Daniel muss seinen Zivildienst ableisten, hat sich aber noch nicht um eine Stelle bemüht. Außerdem hat er "noch nie gefickt", wie er selbstmitleidig in die Kamera spricht, so als stelle er sich bei einer Selbsthilfegruppe vor. Und das nur wegen Luca (Jessica Schwarz), in die er bereits seit vier Jahren verliebt ist, die in ihm aber nur einen guten Freund sieht.

Sein genervter Kumpel Dennis (Denis Moschitto) gibt ihm zwar die üblichen Ratschläge, wie man sich bei Mädchen interessant macht, doch Daniel zögert stets im falschen Moment und vermasselt selbst die besten Chancen. Sein Vater sorgt sich um Daniels Zukunft und besorgt ihm einen Zivi-Job ­ in einer Kirche! Wie ein Mönch weicht er sogar den eindeutigen Avancen von Lucas Schwester aus: Sie liegen bereits im Bett, als ihn sein selbst auferlegtes Gelöbnis zur Enthaltung nackt in die Nacht flüchten lässt und er sich in der Kirche ans Kreuz bindet.

Das klingt absurd und auch albern, doch Quabeck und seine famosen Darsteller meistern mit unaufdringlicher, ungerührter Komik selbst pikante Situationen, in denen Daniel eine Anti-Baby-Pille mit Tequila schluckt oder aus einem Wäschekorb ein Höschen fingert, das dann gar nicht Luca gehört. Ebenso viel Gespür beweist Quabeck aber auch bei der Zärtlichkeit, mit der er auf seine Charaktere blickt, die wie hingetupft erscheinen und doch lebendiger sind als die meisten Figuren des deutschen Kinos seit Jahren. Daniel leidet wie einst Goethes junger Werther. Und eine ebenso amüsante wie herzliche Poesie dazu erzeugt Quabeck mit einfachen Mitteln wie Tempowechsel bei einer
wiederholt montierten Sequenz, in der Daniel verträumt Laub zusammenkehrt und sich schließlich seufzend in den Blätterhaufen fallen lässt.

Daniels unerfüllte Liebe ist auch eine Metapher für die Unentschlossenheit an der Schwelle zum Erwachsenwerden, was sich wiederum in Dramaturgie und Optik niederschlägt. Quabeck probiert fast alles aus, was das Kino technisch und visuell hergibt. Er teilt die Leinwand in mehrere Bilder auf, wie man es in den Siebzigern bei Krimis und Katastrophenfilmen machte, wackelt in "Dogma"-Art mit der Kamera, zeigt grell verfremdete Aufnahmen wie in Video-Clips. Was zuerst etwas aufgesetzt und experimentierwütig wirkt, entwickelt sich dann bald zu einem ganz eigenen, ungemein stilsicheren Rhythmus.

Etwa nach der Hälfte des Films setzt Quabeck der Jugend und ihren Möglichkeiten dann das Alter und die wirklichen Probleme entgegen. Daniel kommt bei einem Pflegedienst unter. Er betreut Opa Bröcking, der mit einem Fernrohr den "flotten Käfern" auf der Straße hinterher
späht, eine alte, verwirrte Dame, die unter Inkontinenz leidet, und eine traurige Frau, die von ihrem Ehemann geschlagen wird. Und mit
der reifen, zugleich direkten und melancholischen Diakonieschwester Anna (Marie-Lou Sellem) hat er dann endlich auch den ersten Sex.

"Nichts bereuen" ist ein Jugendfilm, keine Teenie-Komödie, mehr wie "Die Reifeprüfung" als "American Pie". Es ist Quabecks Abschlussfilm an der Filmakademie Ludwigsburg. Das Debüt im Kino war im vergangenen Jahr auch Vanessa Jopp mit "Vergiss Amerika" gelungen, einer atmosphärisch ähnlichen Sinnsuche dreier Jugendlicher. Beide Regisseure stehen ganz vorne in einer Reihe junger Regietalente, die derzeit den deutschen Film beleben. Wer ihnen eine Chance gibt, wird es nicht bereuen.

"Nichts bereuen", BRD 2001; Regie: Benjamin Quabeck; Drehbuch: Hendrik Hölzemann, Benjamin Quabeck; Darsteller: Daniel Brühl, Jessica Schwarz, Denis Moschitto, Marie-Lou Sellem, Josef Heynert;
Länge: 98 Minuten; Verleih: UIP; Start: 15. November 2001

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Spiegel online 11/2001 Artikel 2

Film: Benjamin Quabeck


Erwachsen zu werden und die erste Liebe zu überleben, sagt er, sei extrem schwierig. Also hat er daraus einen Film gemacht.

Es gibt Mädchen, die befeuern die Sehnsüchte der Jungs wie ein 20-Millionen-Jackpot die Hoffnungen der Lottospieler. Luca ist so ein Mädchen. Bezaubernd hübsch und dabei "so nett wie sonst nur dicke Mädchen sind". Eine, die bei allem, was sie macht, "so tut, als hätte
sie es gerade erfunden". Sagt zumindest Daniel, und der muss es wissen, denn seit vier Jahren ist der 19-Jährige wild in Luca verliebt. Aber als er sich seiner Traumfrau mit einer wunderbar pathetischen Geste offenbaren will, geht natürlich alles schief.

Daniel ist die Hauptfigur in "Nichts bereuen" (Start: 15.11.), dem ersten Langfilm des 25-jährigen Benjamin Quabeck, und wie Daniel ist
auch der Jungregisseur Quabeck einer von den Jungs, die den Jackpot beim ersten Versuch nicht gewonnen haben: Auch er hat seine große Liebe lange nur aus der Ferne angehimmelt. "Ich habe viel Zeit damit zugebracht, mir unsere Beziehung vorzustellen, bevor ich in Aktion getreten bin. Und später habe ich meiner ersten Liebe lange nachgetrauert", sagt Quabeck. Gerade hat er sein Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg beendet und in seinem Abschlussfilm und dem parallel erscheinenden Roman (Goldmann Verlag) die eigenen Erfahrungen verarbeitet. "Das Erwachsenwerden und die erste Liebe durchzustehen ist extrem schwierig. Aber nichts von alldem ist verschwendet. Das wollte ich mit meinem Film zeigen."

Quabeck, Sohn einer Ärztin und eines Lehrers, wuchs mit einem älteren Bruder und einer jüngeren Schwester in Ennepetal auf. "Ich war der Chaot in der Familie und ziemlich cholerisch", sagt er. "Oft bin ich schreiend durchs Haus getobt und habe meinen Vater mit einem Erbsengewehr bedroht."

Als Achtjähriger baute er Geisterbahnen, gab Zaubervorstellungen; er trommelte und sang später in Funk- und Crossover-Bands, spielte schon in der Grundschule Theater. Er schrieb Songs und Kurzgeschichten, gab eine Schülerzeitung heraus und drehte als Zwölfjähriger mit der Videokamera seines Vaters Splatterfilme, in denen das Kunstblut spritzte. Am Computer bastelte er kurze Animationsfilme, mit denen er sich später an der Filmhochschule bewarb. "Ich habe mich bei alldem sehr reingehängt und bin immer schnell an den Punkt gekommen, an dem ich die Leitung übernehmen musste, weil ich merkte, die anderen haben nicht das gleiche Engagement", sagt er.

Seinem Liebesleben hat das allerdings nichts genutzt ­ die fast dreijährige Arbeit an seinem Film hat ihn so auf Trab gehalten, dass für eine feste Beziehung kein Platz war. Dafür verliebten sich bei den Dreharbeiten die beiden Darsteller Daniel Brühl und Jessica Schwarz ineinander. Durchaus ein Indiz dafür, wie gut diese Liebesgeschichte funktioniert, auch auf der Leinwand.

Jörg Böckem

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07.09.2001
Kritik auf der Website www.filmfest-oldenburg.de

Daniel Brühl ist momentan mit Sicherheit der spannendste Jungdarsteller Deutschlands. Jungdarsteller nicht nur deshalb, weil er noch jung ist und Typen spielt, die der Teenager-Ecke entspringen ("Schule"). Jung vor allem, weil sein unverbrauchtes Gesicht und sein Charme, seine Verletzlichkeit und Unsicherheit (in der Figurenzeichnung, nicht im Spiel) ihn zu
einem seltenen Beispiel von deutschen Schauspielern macht, die die Kamera lange auf ihrem Gesicht ertragen können und vor allem im passiven Spiel überzeugen. "Nichts bereuen", der Abschlußfilm des Ludwigsburger Filmstudenten Benjamin Quabeck, gibt Brühl auch alle Möglichkeiten, sein Können zu offenbaren und seiner bisherigen Palette einen neuen
Typen hinzuzufügen. Gerade aus der Schule raus, steht für Daniel das Zivi-Jahr vor der Tür. Zudem ist da die lange unerfüllte Schulliebe Luca (überaus überzeugend: Viva-Moderatorin Jessica Schwarz) und die verführerische Chefin (grandios: Marie-Lou Sellem).

Quabeck ist es mit einem herausragenden Schauspielerensemble gelungen, einen wahrhaftigen Film zu machen über deutsche Jugendliche, deren Probleme realistisch erscheinen. Vor allem zieht einen Brühl mit seinem leidenschaftlichen Spiel so sehr in den Film, dass man traurig ist, wenn das Licht angeht und man das Gefühl hat, einen frisch gewonnenen Freund verloren zu haben. Wer sich diesen Film anschaut, wird es auf keinen Fall bereuen.
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16.07.01 SZ Titel: Filmfest-Muenchen, Filmtipps (SZ, 04.07.2001)

Nichts bereuen, von Benjamin Quabeck.

Die große Liebe, das wahre Leben, nach dem Abi, im Herbst, in Wuppertal. Daniel ist 19 und hat "noch nie gefickt", seine geliebte Luca ist zauberhaft, aber auch irgendwie schwierig, der Zivildienst nervt, Erlösung ist nicht in Sicht.
Das klingt, in dieser Kürze, erstmal nicht anders als viele andere deutsche Filme über das Erwachsenwerden, insbesondere die Werke von Michael Gutmann und Hans-Christian Schmid. Der Regisseur Benjamin Quabeck baut ein paar offensichtliche Referenzen ein: Der planlose Vater sieht exakt so aus wie der planlose Vater in "Crazy", Marie-Lou Sellem verbindet Sex und Mütterlichkeit und wiederholt damit beinahe ihre Rolle in "Nur für eine Nacht".
Quabeck und sein Autor Hendrik Hölzemann finden allerdings schnell einen eigenen, durchweg großartigen Ton: Schon dem Zusammenkehren eines Laubhaufens vor der Gemeindekirche können sie eine existentielle Größe abringen, der Hauptdarsteller Daniel Brühl ist ein Meister der ungerührten Komik, die Figuren sind eher hingetupft als ausgemalt und doch komplett lebendig. Kurzum, diese Jungs filmen relaxter und stilsicherer, als ihre Jugend es eigentlich erlaubt, und wenn man bedenkt, wo das noch enden könnte, kann man die Hoffnung kaum unterdrücken.
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10.07.2001 Höchstes Lob und Filmpreis fürs Regiedebüt Südkreis.

"Die haben damals schon ein wenig gelacht. Aber es hat funktioniert" - und es hat ihm am Wochenende den höchstdotierten privaten Filmpreis der Republik eingebracht. "Es" war die Fächerkombination in der Oberstufe am Reichenbach-Gymnasium: "Deutsch und Physik". Eine gute Kombination, wie Benjamin Quabeck (25) auch heute noch findet.

Die Münchner Jury bescheinigte dem gebürtigen Ennepetaler am Freitag, er habe die "dramaturgischen und technischen Möglichkeiten" souverän genutzt. Und das, so freut er sich im Gespräch mit der WR, könne schon damals der Grundstein für seine Arbeit gewesen sein. Denn er führte Regie mit "traumwandlerischer Sicherheit" wie die Jury-Begründung attestiert, und Benjamin Quabeck lieferte die Romanvorlage für das Drehbuch.

Seinen Weg ging Benjamin Quabeck so direkt wie erfolgreich. Denn nach dem Abi in Ennepetal folgte der Zivildienst bei der Diakonie in der Klutertstadt, der er sich verbunden fühlt: "Ich habe noch Freunde dort und natürlich meine Familie." Und die hat sich mit dem erfolgreichen Jung-Regisseur über den Filmerfolg in München "riesig gefreut" - wie Vater Karl-Wilhelm gern bestätigt.

Benjamin Quabeck studiert an der Filmakademie in Baden-Württemberg. Und damit war er für die etablierte Münchner Szene mit seinem ersten sogenannten Langfilm "Nichts Bereuen" am Wochenende eigentlich Außenseiter. Doch spätestens nach dem Jury-Urteil hat der Name "Quabeck" auch dort ein anderes Gewicht. Denn Ende Oktober wird die Liebesgeschichte des 19-jährigen Daniel (Daniel Brühl) in den Kinos laufen. "Wir haben ganz schön abgerockt" - war die Freude über den Erfolg beim Team um den jungen Ennepetaler verständlicherweise groß.

So ganz langsam wird er sich nach Norden vorarbeiten, wie er sagt. Denn Verpflichtungen um die Vorstellung seines Films binden, andererseits zieht es ihn zur Familie nach Ennepetal. Hier hat er auch seine ersten filmischen Gehversuche gemacht. Mit der Videokamera des Vaters habe er experimentiert, in der Schule Theater gespielt und geschrieben. Dass er sich zudem für Technik interessiert, bereitete ihm den Weg zum "frühen Erfolg". Dass seine Film-Story in Wuppertal entstanden ist, war als Hommage an die Wupperstadt gedacht. "Wuppertal hat Romantik. Und das passt zu meiner Liebesgeschichte von Daniel und Luca", lautet sein Plädoyer für die Stadt der Schwebebahn.

Dass insbesondere das junge Publikum angetan war von Quabecks Film, mag an der Wiedererkennung gelegen haben. Denn "Sinn für Humor, große Erzählkunst und genaue Beobachtungsgabe mit einem guten Ohr für die Zwischentöne", wie die Jury beim Filmfest fand, schildern ein Stück "echtes Leben, bei dem es eben "Nichts zu bereuen" gibt.

Von Bernd Oesterling (Westfälische Rundschau 11.07.2001)
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09.07.2001 Ohne Reue - Preise auf dem Münchner Filmfest (Sueddeutsche Zeitung 09.07.2001)

Ein Festival ohne Wettbewerb ist das Münchner Filmfest, das am Samstag zu Ende ging, dennoch hat es zum Abschluss verschiedene Auszeichnungen für Filme des diesjährigen Programms gegeben.

Am Freitagabend wurde im Carl-Orff-Saal der mit 80000 Mark dotierte Regie-Förderpreis der HypoVereinsbank verliehen, prämiert wurde „Nichts bereuen“, der erste Film des 25-jährigen Benjamin Quabeck – ein kleiner wilder Film um die Erfahrungen und Fantasien eines jungen Zivis. Der Förderpreis gilt als gutes Ticket für eine Regiekarriere – frühere Preisträger waren unter anderen Hans Christian Schmid, der dieses Jahr die Jury des Studentenfilmfests leitete, und Oskar Roehler, der mit seinem neuen Film „Suck My Dick“ im Programm war.

Am Samstag wurde der High Hopes Award der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Film- und Fernsehrechten vergeben an den koreanischen Film „Hunde, die bellen, beißen nicht“, von Jun- ho Bong. Den diesjährigen One-Future-Preis der Interfilm Akademie erhielt „Promises/Versprechen“ von Justine Shapiro und B.Z. Goldberg, eine Mehrjahresstudie zum Alltag jüdischer und arabische Kinder in Jerusalem zwischen 1997 und 2000.
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07.07.2001 Regie-Förderpreis der HypoVereinsbank will "Nichts bereuen"

Der mit 80 000 DM höchstdotierte private deutsche Filmpreis, der Regie-Förderpreis der HypoVereinsbank, wird in diesem Jahr zum dreizehnten Mal verliehen. Bei der festlichen Verleihung am 6. Juli 2001 übergeben Dieter Rampl und Dr. Stefan Jentzsch, Mitglieder des Vorstandes der HypoVereinsbank, den Preis an den Nachwuchsregisseur Benjamin Quabeck für den Film "Nichts bereuen".

Neun Regisseure, mehr als je zuvor, deren Filme beim Filmfest München Premiere hatten, waren für den Regie-Förderpreis nominiert. Alle Beiträge machten deutlich, dass der deutsche Film über viele Talente verfügt, die mit ihren zum Teil inhaltlich und formal beachtlichen Regiearbeiten auf höchst unterschiedliche Art große Versprechen für die Zukunft abgegeben haben. Nahezu alle nominierten Filme berechtigen zu der Hoffnung, dass ihre jungen Regisseure in Zukunft sehr aktiv die hohe Qualität des deutschen Filmschaffens mit gewährleisten werden.

Der diesjährige Regie-Förderpreisträger, Benjamin Quabeck, ist Student an der Filmakademie Baden-Württemberg und drehte mit "Nichts bereuen" seinen Abschlussfilm. Er erzählt darin die Geschichte des 19jährigen Daniel, seiner großen Liebe zum Mädchen Luca, seinen ersten noch von Unsicherheit getragenen Schritten ins Erwachsenenleben und den Menschen seiner Heimatstadt Wuppertal, deren Weg er kreuzt und deren Schicksal er beeinflusst. Daniel ist ein Mensch mit Brüchen und Widersprüchen, der emotional die aufregendste Phase seines jungen Lebens durchsteht. Bei seinem ersten Langfilm nutzt Regisseur Quabeck souverän und teils mit traumwandlerischer Sicherheit die dramaturgischen und technischen Möglichkeiten des Films. Er erzählt von wirklichen Menschen, denen er oft in nur wenigen Szenen Charakter, Tiefe und eine Entwicklung zugesteht. Sein auch formal erfrischender und handwerklich sehr versierter Film ist geprägt von großer Erzählkunst, Sinn für Humor, genauer Beobachtungsgabe und einem guten Ohr für Zwischentöne. Quabeck lässt Raum für seine hervorragend agierenden Darsteller, und sein lakonischer Erzählstil schafft eine Nähe zu den Charakteren und ein Verständnis auch für ihr widersprüchliches Handeln, das im deutschen Kino selten geworden ist. "Nichts bereuen" ist ein kluger und unterhaltsamer Film von tiefer Menschlichkeit: Ein junges Regietalent hat hier einen sehr erwachsenen Film gemacht.

Die Jury des Regie-Förderpreises der HypoVereinsbank 2001 bildeten die Regisseurin Maria Theresia Wagner, der Produzent Jakob Claussen, Claussen + Wöbke, und der Chefredakteur des Entertainment Media Verlages, Ulrich Höcherl.